Prolog
Nie sah ich tote Krähen und tote Fische lebendiger als auf den Bildern Sven Oliver Wangemanns. Betrachten Sie etwa das Blatt „Political Correctness Everywhere“ (Tusche und Stifte auf Papier). Wenn Ihnen die aufgerissenen und zuschnappenden Raubfischmäuler keine Angst einflößen, dann nur, weil die bei aller Skizzenhaftigkeit beeindruckende Genauigkeit der Darstellung eine ästhetische Qualität erzeugt, die im Widerspruch zu den grobschlächtigen Sujets zu stehen scheint.
Und das glänzende Gefieder des vom Künstler als „Haderlump“ geschmähten Raben (Tuschen und Stifte, laviert auf Karton) gibt dem Tier eine Lebendigkeit, die seinem Ruf als Totenvogel spottet.
Dieser Widerspruch begegnet häufig in den Arbeiten Wangemanns und gehört für mich zu den ganz großen Stärken dieses Künstlers. Die durch handwerkliches Können erzielte Präzision der Darstellung im Detail und die häufig wie hingeworfen wirkende Gesamtkomposition oder die Wahl der Sujets, manchmal auch das Spiel mit den Erwartungen des Betrachters, zwingen zum genauen Hinsehen, damit das Gesicht der Dinge zutage treten kann.
Häufig sind die Arbeiten Sven Wangemanns ironische Kommentare zu aktuellen Ereignissen oder zum dem Künstler ganz offensichtlich grundsätzlich suspekten Zeitgeist.
Seit Mitte der 90er-Jahre widmet sich Wangemann vorwiegend der Zeichnung und der Druckgrafik. Ursprünglich hatte er an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie Malerei und Bildhauerei studiert, mit raumgreifenden und teils spektakulären Installationen von sich reden gemacht. Vielen seiner Zeichnungen meint man den Blick des Bildhauers, das Gefühl fürs Dreidimensionale noch anzusehen.
Wenn Sie die verschiedenen Zyklen seiner Arbeiten, ob Tierstudien, Stilleben oder was auch immer, betrachten, wird Ihnen aber etwas auffallen, was für mich die größte Stärke dieser Arbeiten ist: Wangemanns Bilder leben.
(Dr.Thomas Baumann)
Ein Künstlergespräch - Vier Fragen (S.Bobsien)...
... mit denen ich mich täglich neu auseinandersetze.

Foto: Sven Wangemann
Was treibt Sie an und wie machen Sie Ihre bildnerische Arbeit?
Ich sehe irgend etwas, was mich neugierig macht. Das kann eine angebissene Banane sein oder eine Kastanienschale, eine Distel oder eine Schnittblume, die ich dann mit dem Stift in der Hand aus der Nähe betrachte. Ich durchstreife täglich meine Umgebung mit ständiger Neugier. Manche Dinge hebe ich auf, nehme sie immer wieder zur Hand, drehe und wende sie und stelle sie in wechselnde Zusammenhänge, damit sie mir immer Neues über sich preisgeben. Das kann bei äußeren Merkmale beginnen. Letztendlich beschäftigt mich aber das Atmosphärische, etwas, was die Anmutung oder Wesensgestalt dieser Dinge ausmacht. Es gibt Augenblicke, in denen die Dinge geradezu durchsichtig werden dafür. Nach solchen Augenblicken halte ich permanent Ausschau und möchte in Kontakt damit kommen.
Oft bieten sich Analogien an. Nehmen wir z.B. ein Paar Schuhe. Zunächst ist das nur ein Paar Schuhe. Vertieft man seine Betrachtung, dann kann es auch die allegorische Darstellung einer Zweierbeziehung sein. Dann wird natürlich jedes dargestellte Detail wichtig: Weisen die Schuhe in dieselbe Richtung? Sind sie verschlissen? Was für Schuhe sind es? Ich mag zugegebener Maßen solche Betrachtungen. Darüber hinaus können Gegenstände auch Überbleibsel irgend welcher Geschehnisse sein: Wo kommen diese Schuhe her? Welche Wege haben sie hinter sich? Wohin sind sie unterwegs? Wem gehören sie? Mit so einem Paar Schuhe kann sich eine Fülle von Geschichten uns Assoziationen verbinden.
Häufig schreibe ich dsbzgl. auftauchende Gedankenfetzen direkt in die Blätter hinein, Monologe oder Dialoge mit einem fiktiven Betrachter, sogar dem Gegenstand selbst. Es kommen mir literarische Zitate und Sprüche aus Gedichten oder Märchen in den Sinn, dadaistische Wortspielereien oder ironische Anspielungen. Ich widme mmer wieder Arbeiten konkreten Personen, deren Schicksal mich in irgend einer Weise berührt hat. Aktuell z.B.die Arbeiter in Fukushima oder Anne Franck. Das ist auch eine Art Kontaktaufnahme, ich will über die bildnerische Arbeit in Kontakt treten mit Dingen und mit Personen.
In vielen Arbeiten adressiere ich deshalb Personen direkt, es sind fiktive Brief-Zeichnungen, manchmal an Künstlerkollegen gerichtet mit spaßhaften Unterton, wie etwa bei dem Blatt für Konrad Klapheck, dessen Arbeit ich übrigens sehr schätze. Es kann passieren, dass solche Notizen im weiteren Prozess wieder übermalt werden. Das stört mich nicht, weil ich auch das Versteckspiel liebe, solche Notizen dem Betrachter zu zeigen und im Weiteren wieder teilweise zu verbergen.
Auf manche Betrachter wirken solche Zeichnungen später wie Illustrationen zu noch unbekannten Geschichten. Das hat oft eine satirische Note wie z.B. beim Krähenkabarett.
Ausserdem ist da ganz einfach diese Lust am Bildnerischen, am Zeichnen und Malen, seit ich denken kann. Wenn man eine Linie oder einen Farbfleck aufs Papier setzt, dann bekommt er so etwas wie ein Eigenleben und will sich ausdehnen. Ich tue dann nichts weiter als Räume zu öffnen und Wege zu ebnen. Schon als ich vier oder fünf Jahre alt war, stand das ganz einfach fest: Zeichnen und Malen ist das, was du am liebsten machst. Und so ist es dann auch später dazu gekommen, dass ich mich beruflich in diese Richtung orientiert habe.
Verfolgen Sie irgendein Anliegen und verbinden Sie eine Botschaft mit Ihrer Arbeit?
Natürlich gibt es Themen, mit denen ich mich beschäftige, Betrachtungen, die ich immer wieder zu bestimmten Dingen oder Phänomenen anstelle.
Ein immer wiederkehrendes Thema in meinen Arbeiten sind Betrachtungen zu Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit alles Lebendigen und Schönen, etwa durch die Zerstörung seiner Umgebung, seiner Grundlagen und seines - auch geistigen - Bezugsrahmens. Aktuell haben uns das 9/11 und Fukushima eindrücklich vor Augen geführt. Ich glaube, das berührt Fragen, die uns alle verstärkt beschäftigen: Auf welcher Grundlage, vor welchem Hintergrund können wir leben?. Wenn Sie so wollen, ein klassisches Figur-Grund-Problem.
Es haben mir schon Betrachter meiner Arbeiten gesagt, es sei das Sich-Einlassen auf einen Gegenstand der Betrachtung, das sich Ihnen mitgeteilt hat. Das haben sie dann mitnehmen können und ihre eigene Wahrnehmung der Umgebung hat sich dadurch spontan verändert. Das finde ich sehr wesentlich und ist mir an sich fast Botschaft genug.
Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich orientieren? Und wer sind solche Vorbilder für Sie?
Ich habe mich entschieden von dem in der Kunstszene gängigen Innovationszwang verabschiedet, demzufolge durch Ablehnung jeglicher Tradition ständig Neues und Nie-Dagewesenes kreiert werden soll. Ich setze mich deshalb ganz bewußt mit dem auseinander, was Menschen in der Vergangenheit geleistet haben, deren bildnerische Arbeit ich besonders schätze.
Von deren Arbeit will ich lernen, stelle mich quasi auf ihre Schultern und ziehe meine persönlichen Schlüsse. Ich probiere und entwickle im Zuge dieser Auseinandersetzung mit Anderen meine eigenen Ideen. Ab und zu erlaube ich mir auch ein paar kleine Späße mit den ehrenwerten Kollegen, indem ich ihre Motive ironisch verfremde - wie z.B.die Sache mit den Schuhen von van Gogh.
Zu diesen Vorbildern zählen u.a. Meister des Barock und der Renaissance: Rembrandt, Dürer - auch wegen ihrer reformierten Spiritualität - und natürlich Michelangelo Buonarotti. Japanische Kalligraphen, Monet, in unseren Tagen etwa Hrdlicka, Horst Janssen, HAP Grieshaber... Viele andere wären noch zu nennen.
Wo immer Leute sich der Wirklichkeit zuwenden um sie zu bildnerisch zu durchdringen weckt das mein Interesse. Ich könnte dazu auch etliche Literaten und Musiker nennen, deren Haltung oder Vorgehensweise mich nachhaltig beeindruckt hat.
Nicht zuletzt ist aber nach meiner Auffassung die größte Inspiration jedes bildnerisch Tätigen der lebendige Schöpfer unserer Welt. Bei aller spürbaren Entfremdung der Schöpfung von ihrem Schöpfer ist immer noch und überall diese wirklich einzigartige und geniale Handschrift in jedem Geschöpf zu sehen und mit Ehrfurcht zu bestaunen.
Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Kunstszene? Hat der Pluralismus der Stile zu völliger Beliebigkeit, zu Richtungslosigkeit und Desorientierung geführt?
Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten finden sich in der Tat immer mehr Entertainer als wirklich bildnerisch arbeitende Leute. Selbstinszenierung und heiße Luft in Tüten sind Trumpf, Galerien und Museen hängen voll mit des Kaisers neuen Kleidern. Das liegt wohl an der Natur des Marktes und kann einen zuweilen pessimistisch stimmen. Dazu kommt, dass eine materialistisch ausgerichtete Gesellschaft in einem Kunstwerk wenig mehr als einen materiellen Wert, eine finanzielle Investition erblickt. Darüber hinaus bleibt allenfalls noch ein gewisser Dekorationswert: Dieses oder jene Bild passt oder passt nicht zu meiner Couchgarnitur.
Ich glaube, dass von den Künstlern eigentlich zu erwarten ist, dass sie die Wirklichkeit deuten und damit meine ich die Wirklichkeit, die jeden Menschen tagtäglich betrifft. Ich bin zugegebenermaßen kein Freund von eskapistischen Phantastereien, von lautstarken Provokationen oder von vordergründigem Klickibunti der sog. Neuen Medien.
Das Wort "Kunst" kommt von "künden", das englisch/französische "Art" von griechisch "artos" = Brot. Das weist für mich in eine Richtung, in der bildnerische Werke nicht programmatisch inhaltslos und selbstverliebt in die eigene Sinn-Verweigerung sind, sondern etwas "Nährendes" vermitteln wollen, etwas, was Seele und Geist des Betrachters in positiver Weise aufbaut und stärkt.
Das Alltägliche als Ort des Geheimnisses und der Offenbarung zu erleben ist das, wozu ich mich persönlich am Stärksten hingezogen fühle. - -
Sämtliche gezeigten Arbeiten sind urheberrechtlich geschützt. Kopie oder Vervielfältigung bedarf der Genehmigung des Autors.
Kontakt: svenwangemann@googlemail.com